Volkstrauertag 2019: Gedenken in Kieselbach
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Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde,

wir sind heute zusammengekommen, um den Opfern von Krieg und Vertreibung und insbesondere den Toten der beiden Weltkriege zu gedenken. Im Ersten Weltkrieg starben 37 Männer aus Kieselbach. Um an diese Gefallenen zu erinnern, wurde einst das Denkmal errichtet, vor dem wir uns versammelt haben.

Der vor genau 100 Jahren, also 1919 gegründete Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge regte die Einführung eines Volkstrauertages zur Erinnerung an die Kriegstoten des Ersten Weltkrieges an. Dabei sollte es weniger um verordnete Trauer und Heldengedenken gehen, sondern vielmehr um Solidarität und Mitgefühl mit den Hinterbliebenen sowie um Versöhnung und Verständigung mit den ehemaligen Kriegsgegnern. Die erste offizielle Feierstunde fand 1922 im Deutschen Reichstag in Berlin statt. Anders als heute wurde der Volkstrauertag damals überwiegend am fünften Sonntag vor Ostern begangen.

Nach der Machtergreifung benutzten die Nationalsozialisten den Volkstrauertag, um ihn zum „Heldengedenktag“ zu machen. 1934 zum Staatsfeiertag erhoben, wurde er fortan von der Wehrmacht und der NSDAP (also der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei) ausgetragen und dabei missbraucht.

Das NS-Regime führte bekanntlich mit einer aggressiven Politik der Ausgrenzung und Willkür Deutschland zuerst in die Diktatur und bald schon in den Zweiten Weltkrieg und schließlich halb Europa in den Abgrund. Nun waren es 112 Kieselbacher, die ihr Leben zwischen 1939 und 1945 im Krieg verloren.

Wohin Hass, Lügen und das Schüren von Vorurteilen führen können, haben unsere Vorfahren bereits mehrfach leidvoll erfahren müssen. Wir sind also ernsthaft gewarnt, nicht nochmals politischen Kräften auf den Leim zu gehen, die vor allem Ängste schüren, sich über Regeln eines anständigen und respektvollen Miteinanders hinwegsetzen und entweder keine oder nur simple Lösungen für komplexe Probleme haben.

Doch zurück zum Volkstrauertag: Dieser wurde in Westdeutschland erneut vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge eingeführt und 1950 erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg mit einer Feierstunde im Deutschen Bundestag begangen. Anders als in der Zwischenkriegszeit wurde der gesetzlich geschützte Gedenktag in Abstimmung mit den Kirchen nun auf den vorletzten Sonntag im evangelischen Kirchenjahr bzw. den 33. Sonntag im katholischen Jahreskreis verlegt.

Der Volkstrauertag wird nach wie vor als Tag der Trauer und Erinnerung verstanden. Doch wie schon bei seiner ersten Einführung vor fast 100 Jahren dient er auch der Versöhnung sowie dem Bewusstmachen, dass Frieden keine Selbstverständlichkeit ist. Daran erinnern neben den zahlreichen Kriegerdenkmalen, wie dieses hier, auch rund 830 Kriegsgräberstätten in 46 Ländern, auf denen etwa 2,7 Millionen Kriegstote ruhen. Diese Stätten werden im Auftrag der Bundesregierung vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge seit Jahrzehnten gepflegt.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit und Ihre Teilnahme an dieser Gedenkveranstaltung!